Für mich soll’s rote Rosen regnen

Für mich soll’s rote Rosen regnen

Mai 11, 2019

Renate Bertlmann_Installation Österreichsicher Pavillon in Venedig

Renate Bertlmann, "Discordo Ergo Sum", Installationsansicht, Österreichischer Pavillon, Biennale Venedig 2019. Fotos: Sophie Thun

Für mich soll’s rote Rosen regnen

In ihrer Einzelausstellung als erste Künstlerin in dem 1934 nach den Plänen von Josef Hoffmann errichteten österreichischen Pavillon für die Kunstbiennale in Venedig versuchte Renate Bertlmann, sich dem Gebäude anzunähern und es mit ihrer künstlerischen Handschrift zu versehen. Mit dem Schriftzug „Amo Ergo Sum“, der die Außenfassade des Pavillons verziert und ihn als Spiegel den sommerlichen Reflektionen aussetzt, gelang es der Künstlerin, ein subtiles, in weiß gehaltenes, aber dennoch prägnantes Zeichen zu setzen, dessen umgewandeltes Descartes Zitat cogito ergo sum sich auch im Titel ihres Beitrages „Discordo Ergo Sum“ als Verweigerung konventioneller gesellschaftlicher Strukturen versteht.

Die Frage der Provokation, die auch Minister Gernot Blümel bei der Eröffnungsrede und Pressekonferenz stellte, steht in vielen ihrer seit den 1970er Jahren entstandenen feministischen Arbeiten zur Debatte, wird jedoch lediglich als historifizierende Ebene in die Ausstellung eingeführt, in dem im Inneren des Pavillons eine Schachtel-Architektur eingestülpt wurde, die als portabel angesehen werden kann und Bertlmanns frühe Arbeiten in Form einer schwarz-weiß Poster-Dokumentation als kuratorische Geste ins Spiel bringt. Dadurch wird ihr Werk in den Kontext jener konzeptuell arbeitenden KünstlerInnen der 1970er Jahre gerückt, leider jedoch etwas verzerrt wiedergegeben, da Bertlmann nicht nur ausnahmslos Strenge gelten ließ, sondern im Gegenteil spielerische Momente und Objekte in ihrer gesamten Farblichkeit ins Feld der künstlerischen Repräsentation rückte.

Als Referenz an ihre frühen Arbeiten, in denen zahlreiche Messerspitzen vorkamen, etwa im „Messerschnullerbrett“ von 1975 oder der in Bologna 1977 durchgeführten Performance „Defloratione in 14 Stazioni“, bei der der Künstlerin aus einem Brusthemd Skalpellspitzen aus den Brustwarzen ragten, die zum Durchschneiden von Papierbahnen dienten, kann Bertlmanns Arbeit aus 312 roten Muranoglasrosen im Hinterhof des Pavillons angesehen werden. In diesem Rosengarten wurden den Stielen die Dornen entfernt, dafür ragen inmitten der Blütenblätter Messerspitzen hervor. Ob diese künstlerische Intervention heute noch als provokativ angesehen werden kann, sei dahingestellt, jedoch steht sie in ästhetischem Einklang mit der Außenfassade und persifliert wohl auch die nationale rot-weiß-rot Emblematik. Diese kippte jedoch bei der Eröffnungsrede des Ministers in eine Verweigerungsformel der (türkis) schwarz-blauen Koalition, als zahlreiche BesucherInnen jene von Ingeborg Strobl und Johanna Kandl im Rahmen der Demonstrationen gegen Schwarz-Blau I im Jahr 2000 entworfenen Buttons aufsteckten und sich mit dem Rücken zur Bühne bzw. der Ministerrede wandten, wodurch sich in Flashmob-artiger Weise eine subtile Geste der Verweigerung einstellte. Mit dieser konzertierten Aktion standen die teilnehmenden Gäste und AkteurInnen in Einklang mit Bertlmanns Ausstellungstitel und bekräftigten ihre künstlerische Stellungnahme in einem performativen Akt der Repräsentation.

Walter Seidl

Headerbild (v.l.n.r.): Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein, Künstlerin Renate Bertlmann, Kunstminister Gernot Blümel
Foto: Walter Seidl