Mann mit Eigenschaften - Fotos von Pamela Rußmann

Mann mit Eigenschaften - Fotos von Pamela Rußmann

September 03, 2019

2017 tauchte im medialen Diskurs im deutschsprachigen Raum erstmals gehäuft die Frage auf, ob es eine Krise der Männer gäbe. In zahlreichen Artikeln, von der renommierten „Zeit“ bis zum jungen Online-Magazin „Vice“, wurde von Problemen von Buben berichtet, die in der (von weiblichen Lehrkräften dominierten) Schule zurückfallen würden, männliche Millennials beklagten, sie würden weniger Aufstiegschancen haben, weil Frauen bevorzugt würden, Arbeitslosigkeit sei laut Statistik ein männliches Problem, usw.

Wann ist ein Mann ein Mann? Welche Erwartungen werden an Männer gestellt? Wie ist Männlichkeit definiert und von wem? Ist Männlichkeit eine Art improvisiertes Theaterstück, das im täglichen Leben entsteht, wie es der US amerikanische Männerforscher und Psychotherapeut Michael E. Addis beschreibt?

Tatsache ist: Im selben Maße, in dem Macht, Sichtbarkeit und Bedeutung von Frauen in der Gesellschaft steigen, sind tradierte „Mannsbilder“ wie die des „Ernährers“, „Machos“ und „Beschützers“ ins Schleudern gekommen. „Während wir Männer, deren Körper groß und stark, muskulös, sportlich und scheinbar immun gegen Schmerzen ist, oft zum Idol machen,“ schreibt Addis in seinem Standardwerk „Invisible Men“, „sind wir blind und taub für die reale Verletzlichkeit von Männern, wenn es um ihr körperliches Wohlbefinden geht.“

Anna Maria Möller-Leimkühler, Sozialwissenschafterin an der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, fasst klassische, typische Eigenschaften von Frauen unter dem Terminus Expressivität und jene von Männern als Instrumentalität zusammen. Also emotional, empathisch und beziehungsorientiert versus rational, autonom und leistungs- und wettbewerbsorientiert. Untersuchungen zufolge ist bei den Frauen heutzutage eine stärkere Entwicklung in Richtung Instrumentalität zu erkennen, während Männer weiterhin auf einer eher geringen Stufe in der Expressivität stehen geblieben seien. Nicht nur Feministinnen, sondern auch Männertherapeuten fordern daher: „Männer, erfindet euch neu!“

Denn wie Männertherapeut Björn Süfke konstatiert: „Mann-Sein heißt, keine Gefühle zu haben.“ Er spricht von einer Geschlechterspaltung, die nutzbar für die Gesellschaft sei in vielerlei Hinsicht, da es eine Reihe von Tätigkeiten gäbe, bei denen ein intensiver Zugang zu den eigenen Gefühlen hinderlich sei. Als Beispiele führt Süfke an: den Schlachter, der keine Trauer beim Töten der Tiere haben soll; der Rettungssanitäter, der ohne Mitgefühl besser funktioniert; oder auch Polizisten und Soldaten, denen man das Gefühl Angst bei der Ausübung des Berufes nicht zugestehen könne.

Dass die unterschiedliche Auseinandersetzung von Männern und Frauen mit den eigenen Gefühlen Fakt ist, kann man auch aus der Österreichischen Gesundheitsbefragung ablesen: Fast doppelt so viele Frauen wie Männer geben an, unter Depressionen zu leiden. Sozialwissenschafterin Möller-Leimkühler stellt bei Männern ein eher körperlichinstrumentelles Verständnis von Gesundheit fest, Missempfindungen würden bagatellisiert werden, ja, ihnen fehlten oft ganz simpel die Worte und Formulierungen, um ihr Innenleben beschreiben zu können. "Damit besteht die Gefahr, dass psychische Störungen bei Männern eher übersehen werden."

Die Fotografin Pamela Rußmann hat sich aus ihrer feministischen Perspektive mit verschiedenen Männlichkeitsbildern und Stereotypen auseinandergesetzt. Mit Julian Joy (Sänger bei den österreichischen Bands „Yokohomo“ & „Hanta Royce“) als Protagonisten hat sie über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren verschiedene Männertypen inszeniert und sozusagen am lebenden Objekt spürbar gemacht: Was macht es mit einem Mann, wenn er mal „der harte Macho“, „der ruhige Empfindsame“ oder „der expressive Crossdresser“ ist? Wie verändert sich sein Selbstverständnis, wie seine Außenwirkung?

Vernissage, Samstag, 12. Oktober 2019, 19 Uhr.

Die Ausstellung ist von Dienstag 15. Oktober bis Freitag 18. Oktober jeweils von 13 - 18 Uhr zu sehen.