Upcoming: LUMEN 400 - Eröffnungsrede von Michael Schottenberg

Upcoming: LUMEN 400 - Eröffnungsrede von Michael Schottenberg

Februar 10, 2019

Michael Schottenberg anlässlich der Eröffnung von Johannes Rass Lumen 400 - Galerie ARCC.art in der Ottakringer Brauerei in Wien

Ausstellungseröffnung ‚Upcoming: LUMEN 400‘ 

„Mehr Licht!“ - Die letzten Worte Goethes sind die ersten des Regisseurs, wenn er mit seinem Ensemble von der Probebühne auf die Hauptbühne wechselt und das Tageslicht von Scheinwerfern abgelöst wird. Regisseure, Künstler dürfen sich zu recht göttlich fühlen. Die Kunst, Licht einzusetzen gleicht einem Schöpfungsakt. Menschen, Bilder werden aus dem Dunkeln gehoben und aus der Finsternis eines Raumes ersteht ein Biotop dramatischer Situationen und Spannungen. Im Fokus der Scheinwerfer ersteht eine neue, sehr spezielle Welt, sie spiegelt sich, bricht sich, manchmal zerbricht sie auch. Das Spiel mit dem Licht schafft die Möglichkeit, Zuseher ins Reich der Illusionen zu überführen. Eine abstrakte Energie wird zur lebenden Materie, die sich an Körper schmiegt, an ihnen haftet und sie nicht nur sichtbar und dadurch erfahrbar werden lässt, sondern sie zum begehrlichen Faszinosum formt. 

„Ton ab!“ - Das Kommando des Allmächtigen ist gefürchtet. Es bedeutet, dass der Regisseur mit diesen Worten das Vehikel einer Filmszene in Gang setzt. Komparsen gehen von links nach rechts, hinter der Kamera greifen hilfreiche Hände wie eine monströse Zahnradmaschine ineinander, die Hauptdarsteller erwachen in all dem künstlich herbeigeführten Chaos zum Leben. Der Ton macht die Musik. Hier wie allerorts. Das Orchestrion von Alltagsklängen, das uns umgibt und uns in eine Soundcollage der Selbstverständlichkeit bettet, wird, überführt man es in eine abstrakte Umgebung, zur Kunst. Man vermeint sie neu zu erfahren. Was künstlich überhöht wird, tritt kunstvoll in den Vordergrund und entpuppt sich als Schöpfungsakt. Das Klacken von Kokosnüssen wird zur wilden Reiterei, das Zupfen an einem Geschirrtuch zum Herzschlag und die Bewegung in einem mit Wasser gefüllten Topf zu einem reißenden Strom. Töne haben mit Visualisierung zu tun. Nimmt man ihnen das Licht der Selbstverständlichkeit, werden sie abstrakt und somit verwechselbar. Künstler erzählen Geschichten mit ihnen, lassen Welten erstehen, erschaffen Universen.

Am Theater und im Film bedient man sich der Dramaturgie des Lichts und des Tons und deren vielfältig einsetzbaren Möglichkeiten. Mit Hilfe des Bühnenlichts können Zeiten definiert werden: Tageszeiten, Jahreszeiten, Epochen. Mit Hilfe des Lichts werden Akzente gesetzt, wird der Charakter einer Person und deren Umgebung dargestellt. Je nachdem wie es gesetzt wird, erscheint die Figur hintergründig, verdächtig, naiv, - sie wird im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht gerückt. Das schenkt ihr Kälte, Angst, Hoffnungslosigkeit, ebenso wie Freude oder Glück. Man benützt „schwarzes Licht“, um Dinge verschwinden oder durch den Raum schweben zu lassen.

Im Film genügt das kurze Anspielen eines Tons, eines Geräusches, um Spannung zu erzeugen. Wind, Schritte, gehetzter Atem, ein zuschlagendes Fenster - unerwartet eingesetzt - erschreckt uns zu Tode oder andersrum, sanfte Klänge, Kinderlachen, tonale Musik wiegen uns in gelöste Stimmung. Gefühle liegen abgespeichert auf unserer Emotionsfestplatte und warten darauf, unter Umgehung des Gehirns, abgerufen zu werden. Mehr noch: Wir sind Tönen, Geräuschen, Soundeffekten ausgeliefert. Die, die’s können bespielen hinterhältig unsere innere Wahrnehmungs-partitur und wecken unsere Sehnsüchte, Träume, Ängste. Wir warten darauf, verführt und geblendet zu werden.

Apropos ‚blenden‘: Als Schauspieler erlebt man Licht und Ton ganz und gar nicht so raffiniert wie der Zuseher. Im Gegenteil. Scheinwerfer sind ungemütlich heiß und Lautsprecher nerven sowieso, wenn sie einem zu nahe kommen. Und, so schnell kann’s gehen, steht man (bewusst oder unbewusst) im Licht des Partners. Immer noch besser, als in seinem Schatten. An eines aber hat man sich zu gewöhnen: Licht macht optisch taub, so sehr, dass es zu einer vierten, hermetisch geschlossenen Wand wird. Es bildet eine natürliche Firewall vor dem Zuschauerraum, einerseits unangenehm, weil es die Spielsituation abstrahiert, andererseits ein Segen, weil man seine Feinde nicht sieht.

Licht wird oft gleichgesetzt mit ‚Öffentlichkeit‘. Dementsprechend groß ist der Unterschied einer Probensituation mit Tages- oder Arbeitslicht, in der der Ton zwischen den Schauspielern ein privatimer ist, hinüber zur Bühnenrealität: Man erlebt das nunmehr professionell aber eben künstlich gesetzte Licht als einen Eingriff, als Anschlag auf die Natürlichkeit des Geprobten, das die Gefahr in sich birgt, im Artifiziellen zu ersticken. Andererseits: Erst wenn das Persönliche ins Öffentliche rückt, beginnt der eigentliche Akt der Kunst. Der Schauspieler braucht summa summarum seinen Körper, sein Kostüm, den Raum, den Ton unddas Licht, die ihn dem Realen entziehen und die Fiktion neuer Realität ermöglichen.

Es handelt sich um eine Art säkularisierte Entrückung, - das war nicht immer so: Licht am Theater blickt auf eine jahrtausende alte Verbindung mit religiösen Kulten, auf gemeinsamen sakralen Ursprung zurück. Licht galt immer als ein Element des Göttlichen, als Gegenelement zum Bösen, zur Finsternis. „Ich bin ein Teil des Teils, der einmal alles war, ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar“, lässt Goethe Mephisto sagen.

Im Zeitalter der Computertechnologie wird der Einsatz des Lichts auf eine ungeahnte Weise perfektioniert. Komplexe Effekte werden durch Computer gesteuerte Technik errechnet. Unzählige wechselnde Einstellungen während aufwendigen Bühnenshows sind längst die Norm. Die Flüssigkeit des Lichts und die damit korrespondierende Installation von Soundeffekten, die sich über alles ergießt, macht die Zauberwelt Bühne zu einem beweglichen, scheinbar grenzlosen Organismus. Allerdings gibt es am Sprechtheater, vielleicht auch als Reaktion auf Übertechnisierung, längst schon Versuche der Desillusion, indem bewusst Arbeitslicht eingesetzt wird oder indem der Zuschauerraum während der Vorstellung hell bleibt. Das Brechen der Illusion im Brecht’schen Sinn manipuliert den Zuschauer, der dadurch als ‚Verbündeter‘ herangezogen wird, ob er will oder nicht.

Wenn man die Kulturgeschichte des Lichtes genauer verfolgt, erkennt man, dass sie nicht nur eng mit der Theatergeschichte verknüpft ist, sondern auch wie sehr sich das Bühnenlicht auf Entwicklungen der Bildenden Kunst ausgewirkt hat. Im 21. Jahrhundert findet die Theatralisierung bestimmter Kunstrichtungen statt: Räume, Installationen und Performances werden mit Hilfe des Scheinwerfers und des Sounds inszeniert. Ich denke an den Architekten des Lichts James Turell und seine faszinierenden Lichträume. Leider findet umgekehrt zunehmend auch eine, ich möchte fast sagen ‚feindliche‘ Übernahme des Theaters durch Videokunst bzw. Fernsehbilder statt, die das Licht manchmal wieder auf eine dienende Funktion zurückdrängen. Auf fast inflationäre Weise biedern sich Regisseure an die Neuen Medien an, in der Hoffnung damit junges Publikum anzusprechen. Das ist schade, denn Theater sollte sich auf seine Stärken und auf sein ureigenes Vokabular besinnen und den Kanon der Illusionseffekte immer wieder neu deklinieren um dadurch den autarken Raum des Lichts und des Tons zu behaupten. Turrell, der Bob Wilson der Bildenden Kunst, konstruiert Theaterräume, um tradiertes Wahrnehmungsverhalten des Zuschauers zu dekonstruieren, indem Licht und Ton, Darsteller und Zuschauer in ein Raumkontinuum zusammengeführt werden, indem alles fließt, in dem es aber dennoch seine dominante Rolle behält. Edward Gordon Craig, einer der wichtigsten Theaterreformer des 20. Jahrhunderts, hat es definiert: „Das Licht verhält sich zur Szene wie der Bogen zur Violine und die Feder zum Papier. Es wandert über die Bühne: Nie verharrt es an einer Stelle. Wandernd wird es Musik. Es kann zärtlich sein und brutal, stürmisch wie eine Flut und zögernd wie ein Windhauch. Nie kommt es zum Stillstand.“

Johannes Rass, um endlich bei ihm zu landen, lehrt uns die Genauigkeit, Licht und Ton, seine Neuerschöpfung von Welt, staunend zu erfahren. Die Verschmelzung sinnlichen Erlebens ist gegenständlich seine Sache. Meine Ausführungen, die die Welt der Bühne, der Illusion und der erzählenden Wahrnehmung zu beschreiben versuchen, seien mir gestattet: Mein Lebensweg kommt genau daher, wenngleich er sich bereits woanders hin entwickelt hat. Aber Kunst ist ein Perpetuum und also verweigere ich den Stillstand. Der junge Herr Rass, Künstler der Stunde, schmiedet uns mit Hilfe der beiden Komponenten Licht und Ton zu staunenden Verbündeten. Es ist eine Art zärtliche Allianz sinnlicher Eindrücke, mit denen er uns verblüfft. Und wir erliegen nur allzu gerne seiner Verführung.

Das Ineinandergreifen seines Licht- und Ton-Universums erinnert mich an eine wunderbar berührende Szene des russischen Clowns Popow. Popow verliebt sich in einen Lichtpunkt am Boden der Manege. Er versucht ihn festzuhalten. Der Punkt entzieht sich ihm, ein zärtliches Seufzen liegt in der Luft. Das Licht spielt mit dem Clown, bis es ihm endlich gelingt, es mit Hilfe eines verlockenden Tons in einen Korb zu betten und mit nach Hause zu nehmen. Eine Liebesszene zwischen Mensch und Licht und Ton.

Mit Goethe habe ich begonnen, mit einem Clown schließe ich. Zwischendrin die beiden Liebenden: Das Licht und der Ton.

Danke einem Team von knapp 10 Personen, das größtenteils unentgeltlich seit Sommer letzten Jahres an der Realisierung dieser komplexen Arbeit - und da sind die freiwilligen Aufbauhelfer vor Ort noch nicht inkludiert – gearbeitet hat. Ohne sie alle wäre die Umsetzung dieses Projekts nicht möglich gewesen. 

Danke an Matthias Timo Finding. Der Mann ist ein begnadeter Techniker mit einem ausgeprägtem Gefühl für die Umsetzung dieser technisch extrem anspruchsvollen Installation. Er fungiert quasi als „Dolmetscher“ zwischen künstlerischer Idee und technischer Lösung.

Und endlich Danke an Johannes Rass für die Verführung zu gleichermaßen natürlichen, wie künstlich geschaffenen, transformierten Zärtlichkeitsräumen.

Michael Schottenberg

Wien, 9.2.2019